Samstag, 7. September 2002Das Gesicht SucresIn Europa wäre die Besteigung eines Fast-Fünftausenders für einen absolut unerfahrenen Bergsteiger wie mich undenkbar; in Ecuador gestaltet sich die Sache leichter: die Schneegrenze liegt in der Regel über 5.000 m, die Viertausender gelten eher als gute Akklimatisierungstouren für den Cotopaxi und den Chimborazo denn als echte Herausforderung. Nur etwa 15 km westlich von Quito liegt der aktive Vulkan Pichincha. 1999 hat er sich nach über 300 Jahren Ruhe zurückgemeldet und der Hauptstadt einen Ascheregen beschert. Weil einer seiner beiden Teile (Guagua: "Kind" und Rucu: "Vater") entfernt an ein liegendes Gesicht erinnert, wird er von den Quiteños auch la cara de Sucre genannt (in Erinnerung an die vom Volkshelden Antonio Sucre geführte Schlacht von Pichincha, die Quito von der Kolonialherrschaft befreite). Der Aufstieg bis zur Schutzhütte war noch der leichtere Teil, ging aber auch schon ziemlich auf die Lungen. Dort gab's dann erstmal die verdiente Frühstückspause (mit Tee – bzw. farbigem Wasser – vom Aufseher) Unser Aufstieg zum Gipfel des Guagua beginnt gemütlich. Auf der Ladefläche eines Pick-up lassen wir uns für den Wucherpreis von $20 zu einem kleinen Plateau auf 4.000 m Höhe fahren. (Auf Wunsch kann man sich sogar bis zur Schutzhütte auf 4.500 m bringen lassen. Die Staubpiste hinauf ist vergleichsweise gut erhalten). Schon nach den ersten Metern zu Fuß bekomme ich zum ersten Mal zu spüren, welche Probleme die dünne Höhenluft verursachen kann. Obwohl der Aufstieg nicht besonders schwierig ist, fallen die Schritte und das Atmen viel schwerer als gewohnt. Nach ca. 70 Minuten erreichen wir die Schutzhütte, wo uns der Aufseher zur Frühstückspause mit heißem Tee versorgt. Von hier ist es nur noch eine gute halbe Stunde zum südlichen Gipfel. Der Weg ist relativ einfach zu gehen, die Höhenluft macht uns allen jedoch zu schaffen. Leider hängen die Wolken heute auf etwa 4.400 m, sodass wir die Aussicht nur eingeschränkt genießen können. Andere Vulkane wie der Cotopaxi sind nicht zu sehen, auch der Blick in den Krater bietet nichts als Nebel (die schwefeligen Dämpfe des Vulkans sind allerdings gut riechbar). Wenn die Wolkendecke einmal aufreißt, haben wir einen tollen Blick auf Quito, dass zwei Kilometer unter uns im Tal liegt. Der Aufstieg auf den höher gelegenen nördlichen Gipfel ist beschwerlicher und dauert noch einmal um die 30 Minuten. Der Anblick der Höhenmarkierung (4.781 m) entschädigt uns jedoch für alle Strapazen. Hier oben liegen die Temperaturen noch knapp über dem Nullpunkt, allerdings weht ein extrem starker und eisiger Wind. Zum Gipfel sind's nur noch knapp über 100 Höhenmeter, aber der Weg wird wesentlich beschwerlicher. Außerdem weht ein eisiger Wind. Trotzdem haben wir es alle bis ganz nach oben geschafft! Ein Blick in den Krater bot nichts als Wolken. Aber man konnte riechen, dass da unten irgendetwas brodelte. Den Abstieg auf 3.100 m bewältigen wir komplett zu Fuß. Für die etwa 15 km über den relativ gut begehbaren Weg brauchen wir dreieinhalb Stunden. Erschöpft und mit schmerzenden Füßen und Knien warten wir auf den Bus nach Quito, gleichermaßen froh, wieder unbeschwerter atmen zu können und überrascht, wie vergleichsweise einfach der Aufstieg war. Trotz des schlechten Wetters gab es wunderschöne Ausblicke nach oben (Gipfel) und unten (Quito) · Für den Abstieg haben wir dreieinhalb anstrengende Stunden gebraucht Für Interessierte eine kurze Wegbeschreibung: Von der Av. América nimmt man einen Bus nach Mena 2 bis zur Calle Angamarca (30 Minuten, 20¢). Einen Block von der Hauptstraße entfernt fährt morgens um 7 Uhr ein Bus ins Städtchen Lloa (40 Minuten, 35¢). In Lloa beginnt auf 3.100 m die Straße zum Gipfel, von hier kann man entweder eine Camioneta chartern oder zu Fuß aufbrechen. Der letzte Bus zurück nach Quito fährt in Lloa gegen 18 Uhr ab. Bergsteigerausrüstung wird nicht benötigt, lediglich warme Kleidung. Mütze und Handschuhe sind empfehlenswert, ebenso gute Wanderschuhe. Die Besteigung des Rucu wird wegen Überfallgefahr nicht empfohlen. 21:45 |
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