Shenzhen

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Samstag, 7. Juli 2001

Shenzhen

Der Charakterisierung von Shenzhen im Lonely Planet ist eigentlich nichts hinzuzufügen: "Shenzhen was no more than a fishing village until it won the equivalent of the National Lottery and became a Special Economic Zone in 1980 [übrigens die erste in China, nicht zu verwechseln mit dem Status einer Sonderverwaltungszone, den Hong Kong innehat]. Developers added a stock market, glittering hotels, office blocks and a population of two million to the existing fish market ... Shenzhen has no doubt been a fabulous commercial success [die Stadt hat von der Nähe zu Hong Kong profitiert; die meisten Industrieunternehmen haben ihre Produktion über die Grenze verlagert], but it's a place without culture and spirit ... In other words, if it's high rises and the high life you want, stay in HK, and if you want history, anywhere else is an improvement"

Wer jetzt noch weiterlesen möchte, hat schon die richtige Einstellung: was soll's, lass uns trotzdem mal hinfahren, ist ja nicht weit. Shenzhen liegt nämlich direkt hinter der Grenze Hong Kongs zu Festlandchina, gerade einmal eine halbe Stunde mit dem Zug. Und es ist alles wahr: die Stadt ist hässlich, hat für Touristen nichts zu bieten und ist zudem weit entfernt von der Erfahrung des "wirklichen China". Trotzdem kann Shenzhen einen Besuch wert sein. Und das ist ganz wörtlich zu nehmen: es ist billiger als Hong Kong. Hundert Meter hinter der Grenze stehst du schon in einer riesigen Shopping Mall, ideal für alle Arten von Kitsch, Klamotten, Schuhen (leider nur bis Größe 45), CDs, DVDs – im Regelfall (natürlich) gefälscht. Kleine Kostprobe: DVDs für 12 Yuan (= 3 DM), CDs für 5. "Adidas"-Rucksäcke 30 Yuan.

Schneidern nach Katalog Kritische Vermessung Kritische Vermessung Kritische Vermessung Kritische Vermessung

Geschneidert wird nach Foto bzw. Zeichnung, nicht nach Schnittmuster.

Eigentliches Hightlight für uns war aber das Einen-maßgeschneiderten-Anzug-für-wenig-Geld-kriegen-ohne-ein-Wort-Chinesisch-zu-können-Abenteuer. Schneider hat's genügend in dem Einkaufszentrum und da Christian schon mit einer Empfehlung von einer Kollegin ausgestattet war, hatten wir auch gleich eine Anlaufstelle. Da standen wir also im Miniladen Nr. 4299 von Ken Cho, er kann kein Englisch, wir weder Mandarin noch Kantonesisch. Durch Zeigen auf seine Auslagen haben wir ihm dann aber recht schnell mitteilen können, weswegen wir hier sind. Die erste Musterung per Augenmaß dauert nur eine Sekunde und schon haben wir ein Stückchen Papier in der Hand mit normalen arabischen Zahlen und jeweils einem Schriftzeichen dahinter. Dass es bedeuten sollte, dass Christian für einen Dreiteiler 3,2 m Stoff und ich 3,8 m brauchen, haben wir erst später rausgekriegt. Die erste Aufgabe hieß jedenfalls selbstständig Stoff zu kaufen, dafür gibt's einen extra Stoffmarkt zwei Stockwerke weiter oben. Umschauen, aussuchen, handeln, wie "normales" Einkaufen geht, wissen wir ja inzwischen. Ist also kein Problem. Die Gebote tauscht man dabei i. d. R. mit Hilfe eines Taschenrechners aus, da man nicht miteinander reden kann. Soll heißen: die Verkäuferin tippt einen viel zu hohen Preis ein, du schaust sie daraufhin total entgeistert an und bietest deinerseits etwa 20%. Am Ende einigt man sich dann zufrieden irgendwo in der Mitte.
Zurück bei Ken werden wir auf zwei Hockern platziert und mit ausländischen Modekatalogen versorgt. Geschneidert wird hier nämlich nicht nach Schnittmuster, sondern nach Foto: du suchst dir dein Wunschmodell im Katalog aus und Ken zeichnet es sich sorgfältig ab. Wahlweise natürlich auch mit eigenen Variationen, wenn dir Boss und Armani noch nie gefallen haben. Motto: "Das Modell von Versace bitte, aber die Knöpfe bitte so wie bei diesem hier." Zum Schluss werden wir ausgemessen, kriegen eine lustige Quittung mit allen Daten inkl. Stoffmuster und werden gebeten, in ein paar Stunden noch mal wiederzukommen. Dann ist ein erster "Prototyp" fertig und wird für kleine Korrekturen noch mal anprobiert. Eine Woche später können wir die fertigen Anzüge dann abholen. Preis: etwa 150 DM für einen dreiteiligen Anzug inkl. Stoff. Das ist viel billiger als in Hong Kong und lohnt sich, obwohl man ein zweites Mal nach Shenzhen und damit die Visagebühr löhnen muss.

Erste Anprobe Erste Anprobe Erste Anprobe Erste Anprobe

Nach der ersten Anprobe sind alle zufrieden.

Außer Shopping haben wir auch noch einen kleinen Stadtrundgang gemacht. Dabei haben wir eine Kartrennbahn entdeckt und uns kurzerhand entschlossen, ein paar Runden zu drehen. War echt lustig, vor allem der Umstand, dass die Bahn im 7. und 8. Stock eines Hochhauses untergebracht war. Und natürlich viel billiger als in Hong Kong.

Schaufenster des örtlichen Zahnarztes Gedrängel am Bahnhof

Transparenz beim örtlichen Zahnarzt: Der Behandlungsraum ist direkt hinter dem Schaufenster · Typisch chinesisch: Riesengedränge am Bahnhof, sobald die Tore geöffnet werden. Dabei kommt doch jeder mit.

Shenzhen erreicht man von Hong Kong über die KCR von Hung Hom Station in Kowloon bis nach Lo Wu. Fahrtzeit etwa 30 Minuten. Es besteht generell Visumpflicht. Wer jedoch nur für einige Stunden nach Shenzhen will und es versäumt hat, einige Tage vorher in Hong Kong ein Visum zu organisieren, bekommt noch an der Grenze eine Aufenthaltsgenehmigung für 24 Stunden in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Ist etwas teurer als das Visum, aber unkomplizierter.

Unser Schneider: Kens Tailor, im Einkaufszentrum hinter der Grenze im 4. Stock (in China zählt das EG als 1. Stock), Geschäft Nr. 4298. Wer Ken eine Riesenfreude machen will, bringt ihm aus Deutschland einen Quelle-Katalog oder so mit für neue Inspirationen.

20:16

Kommentare

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Bisherige Kommentare

Hin-Schun am 19. Mai 2003 20:21:

China ist nichts für euch. geht doch lieber nach Amerika verzählt ein Paar Städte da. Ihr macht Chinas Ruf sehr schlecht.


Caro am 4. September 2003 05:17:

Danke für den Tipp mit dem Schneider. Wir wollen in einigen Tagen ebenfalls nach Shenzhen fahren und werden mal bei Kens Tailor vorbeischauen.

Ein doppeltes Visum haben wir bereits, nun kann also fast nichts mehr schiefgehen.


Michael am 17. Oktober 2003 12:47:

Sehr witzig geschrieben. Habe mich echtamüsiert. Ich fliege am 2.11. nach Hongkong und will dann von Shenzhen nach Nanning fliegen. Habt ihr eine idee wie lange ich von Hongkong mit dem Taxi zum Shenzhen airport brauche?


Ole am 18. Oktober 2003 09:01:

Der direkteste Weg von HK zum Flugfafen Shenzhen ist per Boot, das dauert meines Wissens ca. 1 h. Oder du nimmst die Bahn bis zur Grenze und dann Taxi oder Bus zum Flughafen, duerfte alles in allem etwa genauso lange dauern.