Albert Einstein. Eine Biographie
von Albrecht Fölsing, 1993 (Link zum Buch bei amazon.de)
Einstein, schon zu Lebzeiten eine Legende und einer der berühmtesten Menschen der Welt. Der Physiker Albrecht Fölsing schildert in dieser ausführlichen Biographie alle Abschnitte und Facetten von Einsteins Leben in unübertrefflicher Genauigkeit.
Beginnend mit seiner Jugend in München und Italien über Studentenjahre in Zürich erfahren wir von einem klassischen Fehlstart in die akademische Laufbahn, die schließlich in einer Anstellung im Berner Patentamt mündet -- für Einstein offenbar ein Glücksfall, da er hier nicht im Elfenbeinturm der Universität eingelullt wird, sondern seine revolutionären Gedanken entfalten kann. Sehr exakt behandelt der Autor die Hochzeit von Einsteins physikalischem Schaffen von 1905 bis ca. 1920, wobei er zur Erklärung der Relativitätstheorien zeitweise in Sphären abschweift, die man wohl höchstens als studierter Mathematiker nachvollziehen kann. Tragisch ist die eine oder andere Unverständlichkeit allerdings nicht, denn die wesentlichen Gesichtspunkte von Einsteins Denken und seine spezielle Denkweise bringt Fölsing dem Leser hervorragend nahe.
Ab 1919 ist Einstein, inzwischen in Berlin gelandet, berühmt und nicht mehr nur in Physikerkreisen begehrt (was er schon seit 1905 war), sondern auf der ganzen Welt heiß umjubelt. Es beginnt eine Art jahrelanger Tournee zu Vorträgen, Kongressen und Werbetouren, die eigentlich erst 1933 mit der Flucht vor den Nazis nach Princeton ihr Ende findet. Währenddessen erlahmt die Schaffenskraft des Genies immer mehr, seine letzte fachlich wertvolle Veröffentlichung bringt Einstein Mitte der zwanziger Jahre.
Beeindruckt hat mich vor allem die Widersprüchlichkeit des Menschen Einstein, die Fölsing sehr gut herausarbeitet. So legt der 16-jährige Albert die deutsche Staatsangehörigkeit nieder, lässt sich später jedoch nach Berlin berufen und protestiert nicht, als ihn Deutschland im Zuge der Nobelpreisverleihung wieder als Reichsbürger vereinnahmt. Da hat der erklärte Pazifist keine Probleme damit, maßgeblich zur Entwicklung des vornehmlich militärisch genutzten Kreiselkompasses beizutragen. Und auch über die antisemitischen und nationalistischen Überzeugungen der von ihm fachlich hochverehrten deutschen Kollegen kann er offenbar problemlos hinwegsehen. Obwohl in jungen Jahren Vorreiter und -denker der Quantentheorie, weigert er, der bei der Relativitätstheorie selber die Erfahrung gemacht hat, dass die Herren der alten Physikergarde sein neues Denken nicht akzeptierten, sich bis zum Lebensende, die von Heisenberg & Co. entwickelte neue Quantenmechanik vollständig anzuerkennen. Einstein lebt für die Wissenschaft, Enttäuschungen in den übrigen Bereichen des Lebens prallen scheinbar emotionslos von ihm ab -- das gilt auch für private Schicksalsschläge wie den Tod seiner Frau oder die Erkrankung seines Sohnes.
Diese Ambivalenzen hinterlassen den Eindruck einer gewissen Weltfremdheit des Genies, dessen Wirken in Bereichen außerhalb der Physik nicht immer ganz unproblematisch war. Wer sich für die Entwicklung der modernen Physik im Kontext des kriegsgeschüttelten Europa interessiert, dem kann ich dieses hervorragend recherchierte Buch über den Mann, der sie so entscheidend wie kein anderer geprägt hat, nur ans Herz legen.
Gelesen im März 2003 | Edit
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