Weltmacht USA. Ein Nachruf
von Emmanuel Todd, 2003 (Link zum Buch bei amazon.de)
Original: Après l'empire. Essai sur la décomposition du système américain (2002)
Darstellung Amerikas als Wirtschaftsmacht im Niedergang, die an Krisenherden in aller Welt zündelt, um ihren Weltmachtstatus zu rechtfertigen, sich dabei aber unlösbare moralische und wirtschaftliche Probleme aufhalst. Unweigerlich verschiebe sich das Gewicht der Welt nach Eurasien.
Unter Schmerzen finden weltweit Umbrüche bei Bildung und Bevölkerungsentwicklung statt, und dabei bewegt sich die Welt in Richtung Stabilität. Die Länder der Dritten Welt sind bei all ihren ideologischen und religiösen Aufwallungen auf dem Weg zu Entwicklung und mehr Demokratie. Es gibt keine globale Bedrohung, die ein besonderes Engagement der Vereinigten Staaten zum Schutz der Freiheit erfordert. Nur eine einzige Bedrohung schwebt heute über dem weltweiten Gleichgewicht: Amerika selbst ist von einer den Frieden schützenden zu einer räuberischen Macht geworden. Während der politische und militärische Nutzen Amerikas schwindet, merkt Amerika, daß es auf die weltweit produzierten Güter nicht mehr verzichten kann. Aber die Welt ist heute zu groß, zu bevölkert und zu vielfältig, sie wird von zu vielen unkontrollierbaren Kräften bewegt. Keine noch so intelligente Strategie erlaubt es Amerika, seine halb-imperiale Situation in ein Imperium de jure und de facto zu verwandeln. Amerika ist dafür wirtschaftlich. militärisch und ideologisch zu schwach. Deshalb löst jeder Schritt, der Amerikas Zugriff auf die Welt verstärken soll, nur negative Rückwirkungen aus, die seine strategische Position weiter schwächen.
Der französische Politikwissenschaftler Emmanuel Todd charakterisiert die USA als ein Land, das viel mehr von der Welt abhängig ist als die Welt von ihm. Mit seinem riesigen Handelsbilanzdefit lebe Amerika auf Pump, die wahren wirtschaftlichen Mächte der Welt seien Europa und Japan. Russland, trotz des Untergangs der Sowjetunion, sei militärisch immer noch stark und gefährlich genug, um als gefährlicher Gegenpol zu wirken. In dieser Situation flüchteten sich die USA, so Todd, in einen mythischen Kampf gegen den weltweiten Terrorismus und die islamische Welt und griffen grundlos wehrlose Länder an, um ihren europäischen und japanischen Protektoraten aufzuzeigen, dass die Vereinigten Staaten als Garant für die Sicherheit der Welt weiterhin unverzichtbar seien.
Dabei gehe es ihnen hintergründig weniger um die Friedenssicherung, an der Europa und Japan zur Aufrechterhaltung ihrer Handelsbeziehungen größtes Interesse hätten. Vielmehr versuche Amerika dauernd, alte Krisenherde im Nahen und Mittleren Osten aufrechtzuerhalten und gleichzeitig neue zu schaffen, um seine Unverzichtbarkeit in risikolosen, videospielähnlichen Kriegen demonstrieren zu können, während der arabischen Welt auf ihrem Weg zu mehr Demokratie am besten geholfen wäre, wenn der Westen sie in Ruhe lassen würde.
Mit zunehmender Emanzipation Europas und Japans von der ehemaligen Schutzmacht und Annäherung beider an das militärisch starke und rohstoffreiche Russland prophezeit Todd den Vereinigten Staaten, ihren Status als einzige Weltmacht nicht aufrecht erhalten zu können. Vielmehr werde es in Zukunft eine vielfältige Welt geben, in der mehrere mächtige Blöcke interagieren und die ihren wirtschaftlichen Mittelpunkt in einem erstarkten Eurasien (das absolute Lieblingswort des Autors) haben werde.
Sicherlich kann sich ein solches Buch nie ganz von dem Vorwurf der Ideologie freimachen. Todd gelingt es jedoch auf gerade mal 250 flott zu lesenden Seiten, weniger präsente Aspekte wie die Rolle der demographischen Entwicklung weltweit, der Bildungssituation und der Rolle Russlands in die Diskussion einzubringen. Bemerkenswert auch, dass der Autor in dem im September 2002 erstmals erschienenen Buch vieles mutmaßt, was sich im Rückblick auf die letzten sechs Monate durchaus bestätigt: "Die Vereinigten Staaten, die noch bis in allerjüngste Zeit ein internationaler Ordnungsfaktor waren, erscheinen nun immer deutlicher als Unruhestifter", so das Anfang 2003 geschriebene Vorwort für die deutsche Ausgabe.
Gelesen im April 2003 | Edit
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