Briefe in die chinesische Vergangenheit
von Herbert Rosendorfer, 1983 (Link zum Buch bei amazon.de)
Ein chinesischer Mandarin aus dem 10. Jahrhundert gelangt mittels Zeitmaschine in das heutige München und sieht sich mit dem völlig anderen Leben der "Ba Yan" konfrontiert.
Was für ein Plot. Mit Hilfe des speziellen Zeitreisebriefpapiers berichtet der Gelehrte Kao Tai seinem treuen Freund Dji Gu minutiös von seinen atemberaubenden Erfahrungen in der Zukunft. Eigentlich hatten die beiden ja geplant, sich in die Zukunft ihres eigenen Volkes zu begeben, doch durch einen Rechenfehler landete der Mandarin auf der anderen Seite der Erde in "Min Chen".
Dass der Besucher aus der Vergangenheit hier aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, wenn er von Autos, Telefon und Elektrizität berichtet, wird man sich denken können. Herbert Rosendorfer nutzt den Blick von außen auf unsere moderne Gesellschaft aber auch für eine sehr kritische Abrechnung mit derselben: Vor lauter Eile und Stress vergäßen die Menschen ihre Traditionen, jeder sei nur noch am eigenen Reichtum interessiert und das Wohl der gesamten Gesellschaft gehe den Bach runter. Auch der technische Fortschritt, auf den wir so stolz sind, hat für den Gast aus dem 10. Jahrhundert negative Seiten:
Die Großnasen kennen keinen Kreislauf. Die Großnasen glauben verbissen daran, daß alles sich ständig ändern muß, und selbst die Vernünftigeren sind nicht von der Meinung abzubringen, daß, wenn etwas sich ändert, es auch besser wird. Hat die Welt schon so einen Aberglauben gesehen? Dabei bräuchte man doch nur die unverwüstlichen Gesetze der Mathematik anzuwenden. Wenn Du eine Münze in die Höhe wirfst, stehen die Chancen 1:1, mit welcher Seite sie nach oben zu liegen kommt, wenn sie herunterfällt. Wenn ich -- sei es im Privatleben, sei es im Staatswesen -- etwas ändere, steht die Chance 1:1, ob das Neue besser oder schlechter ist als das Gewesene. Das, meint man doch, leuchtet dem Dümmsten ein. Nicht so den Großnasen. Sie sind nicht davon abzubringen, daß das Neue immer zwangsläufig besser ist als das Alte.
Fort-Schritt... sie schreiten fort, sie schreiten fort von allem. Sie schreiten fort von sich selber. Warum? frage ich mich. Wohl nur, weil es ihnen nicht gefällt, bei sich selber zu sein. (...) Aber was für ein Unsinn, von sich fortzuschreiten. Sie ändern ja nur ihre Umgebung, nicht sich selber. Und das scheint mir der Kernpunkt zu sein: die Großnasen sind weder in der Lage, noch willens, sich selber zu vervollkommnen (...), sie experimentieren lieber mit ihrer Welt herum. (...)
Also werden die Großnasen weiter fortschreiten, und nur mit Grausen kann man daran denken, wohin sie es in weiteren tausend Jahren gebracht haben werden. Meine Alb-Träume davon sind wahrscheinlich geschmeichelt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß sie es letzten Endes fertigbringen -- noch ehe weitere tausend Jahre vergehen --, ihre Kugelwelt zu Staub zu zerblasen. Sie sind dümmer als Affen, die zum Teil ja auch große Nasen haben.
Kurz, ein bisschen mehr Konfuzius und Taoismus würde uns ganz gut tun. Herbert Rosendorfer hat ein sehr amüsantes Buch geschrieben, dass nicht nur zum Schmunzeln, sondern auch zum Nachdenken anregt.
Gelesen im März 2005 | Edit
Wenn dich dieses Buch interessiert und du es bei amazon.de bestellen möchtest, wäre ich dir sehr dankbar, wenn du die Bestellung über den obigen Link vornimmst. Ich bekomme dann für die Vermittlung einen Prozentsatz des Kaufpreises gutgeschrieben. Du unterstützt damit die Fortführung meiner Website. Die komplette Bestellabwicklung übernimmt dabei amazon.de, deine Privatsphähre mir gegenüber bleibt vollständig gewahrt. Vielen Dank!