Rattanakiri: ländliches Kambodscha
Kambodscha macht es einem nicht leicht, das "wahre" Land kennen zu lernen. Die grottenschlechten Straßen machen jede Fahrt zu einem Unterfangen, das viel Zeit und Schmerzen kostet. Wer sich trotzdem die Mühe macht, die entlegenste Provinz des Landes zu besuchen, wird mit wunderbaren Begegnungen belohnt.
Markt in Kratie
Von Phnom Penh nach Banlung in Rattanakiri sind es knapp 500 km. Wer nicht fliegen will, muss dafür knapp 3 Tage einplanen. Zur Hochzeit der Regenzeit ist der Mekong die ganze Strecke bis nach Stung Treng schiffbar. Wenn nicht, geht's zuerst mit dem Bus nach Kratie, auf Straßen, die immer schlechter werden, je weiter wir uns von der Hauptstadt entfernen. Ich könnte einen kleinen Roman schreiben über die Erlebnisse auf jder Busfahrt, aber hier soll exemplarisch ein Satz über den Beginn der Fahrt reichen: mit der Erfahrung gewöhnt sich der geneigte Backpacker an, vor Fahrtantritt das zu buchende Vehikel in genauen Augenschein zu nehmen und auf Komfort und Platzangebot für die langen Beine zu prüfen, bevor der Fahrpreis bezahlt wird. Das wissen inzwischen auch die Busunternehmer, und so lassen sie uns in einen nigelnagelneuen und frisch gewaschenen Minibus einsteigen, nur um hinter der nächsten Kurve anzuhalten und zum Umstieg in eine klapprige Rostlaube zu bitten -- wer macht sich auch gerne den neuen Bus auf den kraterübersäten Straßen kaputt?
Die zweite Etappe geht nicht besser weiter: das Boot nach Stung Treng ist ganz schön teuer, 8 Dollar. Dafür darf man sich dann immerhin einen Sitzplatz im klimatisierten Innenraum reservieren, nur um beim Anbordgehen festzustellen, dass alle Plätze besetzt sind und man mit unfreundlichen Worten aufs Dach komplementiert wird. 5 Stunden in der brütenden Sonne braten, das kann ich wirklich niemanden empfehlen.
Markt in Banlung
Von Stung Treng geht's wieder weiter mit dem Bus, diesmal schon spät abends, man kann kaum noch was sehen. Das hindert unseren Fahrer nicht, mit Vollgas durch die Schlaglöcher zu brettern. Darwin hätte seine Freude gehabt: die Evolution scheint die hiesigen Busfahrer den Fledermäusen nachempfunden zu haben, sie können auch ohne Licht navigieren.
Sextourismus live
Banlung ist ein nettes kleines Städtchen, das uns fast ausgestorben vorkommt. Wir wohnen in einem riesigen Hotel und der Besitzer erzählt, dass er zur Hochsaison regelmäßig mit Pauschaltouristen ausgebucht ist, unvorstellbar. Aber der nahe Flugplatz ermöglicht offensichtlich eine relativ bequeme Anreise. Jetzt sind Miguel und ich die einzigen Gäste neben einem älteren deutschen Mann, der sich vor 2 Wochen in Phnom Penh eine junge Frau angelacht hat und die jetzt durchfüttert. Ein sehr unangenehmes Pärchen: beide können kaum Englisch, ich frage mich, wie sie sich unterhalten. Aber wahrscheinlich ist das nicht wichtig. Sie meckert den ganzen Tag über nur, würde am liebsten die ganze Zeit im Hotel bleiben, fernsehen, essen (wenn er ihr dann was bestellt, ist sie einen Bissen und lässt den Rest stehen) und sich von ihm Klamotten kaufen lassen. Sie ist offensichtlich sauer auf ihn, weil er sie in diese uninteressante Gegend mitgeschleppt hat, anstatt im interessanten Phnom Penh zu bleiben.
Freundliche Gesichter
Starker Stoff
Banlung hat einen wunderschönen Markt. Ab 6 Uhr morgens kann man dort bummeln und sich für einen halben Euro ein delikates Frühstück aus frischem Obst, fritierten Bananen und -- Dank an die französischen Kolonialherren -- frischem Gebäck zusammenstellen. Die Menschen aus der Umgebung laufen stundenlang, um hier ein paar Waren zu verkaufen. Manche brechen mitten in der Nacht auf, um pünktlich zum Sonnenaufgang hier zu sein.
Wir leihen uns ein Moped, besichtigen einen großen Wasserfall und besuchen einige Dörfer in der Umgebung. Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal auf der Reise zweifele ich, ob wir mehr Touristen oder mehr Attraktion für die Einheimischen sind. Auf jeden Fall werden wir überall herzlich begrüßt und freundlich aufgenommen. Die Kinder sind sehr anhänglich und interessiert. Und als sie merken, dass sie sich in der Digitalkamera selber betrachten können, sind sie nicht mehr zu halten und posen wie wild. Tolle Erlebnisse für uns!
In einem Dorf wird man auf einmal wütend auf uns, wir wissen nicht wieso. Ich hatte vorher per Handzeichen um Erlaubnis zum Fotografieren gebeten, aber vielleicht wurde das missverstanden. Auf jeden Fall fingen die Erwachsenen auf einmal zu schreien an und haben uns vertrieben. Mangels Verständigungsmöglichkeit blieb uns nichts anderes übrig, als zu verschwinden.
Oktober 2003

