Ecuador im August 2002

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Montag, 12. August 2002

Morgen geht's los

In zwölf Stunden werde ich im Flugzeug sitzen in Richtung Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors. An dieser Stelle will ich in Form eines kleinen Reisejournals regelmäßig berichten, was ich dort erlebe.

Geplant ist eine etwa wöchentliche Aktualisierung an dieser Stelle. Inwieweit sich das durchhalten lässt, hängt von der südamerikanischen Internet-Café-Dichte ebenso ab wie davon, ob ich überhaupt genug zu berichten habe.

Über Feedback von euch würde ich mich sehr freuen.

19:00 | (6) | Kommentieren | Permalink


Freitag, 16. August 2002

Erste Station Guayaquil

Ein gutes Omen war die Notlandung eines Iberia-Jets in New York am Vortag vielleicht nicht, mich hat die Iberia aber trotzdem wohlbehalten in Guayaquil abgeliefert. Warum es allerdings nicht möglich war, mich nur bis nach Quito zu fliegen, obwohl dort eine gute Stunde Aufenthalt war (und alle aussteigen mussten), wird wohl für immer ein Rätsel bleiben (Reisebüro: "Quito ist ausgebucht, wir können nur ein Ticket nach Guayaquil ausstellen." / Iberia in Frankfurt: "Wenn Sie nach Guayaquil gebucht sind, können Sie auf keinen Fall in Quito von Bord gehen." / Iberia in Madrid: "Klar könnten Sie in Quito aussteigen, dafür hätte aber das Gepäck in Frankfurt nur bis Quito eingecheckt werden dürfen...").

Skyline von Guayaquil

Skyline von Guayaquil

Naja, davon abgesehen war der chaotische Madrider Flughafen wohl das schwierigste an der Anreise. In Guayaquil dann ein Taxi geschnappt und ins erstbeste vom Reiseführer in meiner Preisklasse empfohlene Hotel gefahren (Vélez, Vélez 1021 y Quito). Ein mehr oder weniger sauberes Zimmer mit Ventilator (ohne Aircon), TV, eigenem Bad und kaltem Wasser für $9 (der US-Dollar ist seit September 2000 die offizielle Währung in Ecuador) pro Nacht war ja schon nicht schlecht, aber sicher auch nicht die günstigste Variante, die sich hätte finden lassen.

Guayaquil ist das wirtschaftliche Zentrum Ecuadors und hat für Touristen nicht unbedingt viel zu bieten. Da man zudem an jeder Ecke liest, was für ein gefährliches Pflaster die Stadt sei, hatte ich mir vorgenommen, schnell zurück nach Quito (von dessen traumhafter Lage mitten im Gebirge ich schon auf dem Rollfeld des Flughafens ein bisschen erahnen konnte) zu kommen. Ein Tag zur Erholung musste vorher aber doch sein. Und siehe da: eigentlich war's ganz nett. Die Stadt ist zwar eng, stickig, dreckig (hat mich sehr an Guangzhou erinnert), hat aber auch einige schöne Kirchen (mit zahmen Leguanen im Park vor der Kathedrale – genial!), eine frisch renovierte Uferpromenade am Río Guayas und ein noch frischer renoviertes Viertel mit wunderschönen kolonialen Häsern. War schon komisch, im Reiseführer wurde noch eindringlich vor dem Cerro de Santa Ana gewarnt und inzwischen waren die verfallenen Gebäude renoviert und in wundervollen Pastellfarben grellbunt gestrichen. Hier habe ich auch meine erste einheimische Bekanntschaft gemacht, ein kleiner Junge, der sich erst fotografieren ließ, dann weglief und zehn Minuten später wiederkam und mir mit einer Engelsgeduld (en español, versteht sich) verklickerte, dass er sein Foto unglaublich gerne in Händen halten würde. Schließlich konnten wir uns darauf einigen, dass er mir seine Adresse aufschrieb und ich im das Bild zuschicke.
An all diesen touristischen Orten sorgte übrigens ein unglaubliches Aufgebot von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten dafür, dass man vor Überfällen keine Angst haben musste.

Iguanas in Guayaquil Iguanas in Guayaquil El Cerro de Santa Ana

Iguanas in Guayaquil · El Cerro de Santa Ana

Gestern ging's dann aber nach Quito. Acht Stunden Busfahrt durch verfallene Dörfer, vorbei an kilometerlangen Bananenplantagen, über atemberaubende Passstraßen und schließlich durch die Wolken auf über 3.000 Meter Höhe waren echt klasse – und das alles natürlich mit dem klassisch-klischeehaften Busfahrer, der bevorzugt vor nicht einsehbaren Kurven überholt.

14:49 | (8) | Kommentieren | Permalink


Sonntag, 18. August 2002

Stadt in den Wolken

Wohl nur wenige Städte wirken bei der Ankunft so spektakulär wie Quito. Auf 2.800 m Höhe in einem etwa 5 km breiten und 35 km langen Talkessel gelegen, geht es auf den Einfallstraßen sogar noch höher hinaus. Mein Bus ist etwa eine Stunde vor der Ankunft durch die untere Wolkendecke gefahren; der restliche Weg bot spektakuläre Blicke auf sonnige Gipfel, verlassene Dörfer, klapprige, sich den Berg hochquälende LKWs (gut, die hat man auch schon vorher gesehen) und die ersten Ausläufer der Stadt.

Skyline von Quito

Skyline von Quito

Irgendwie erwartet man in dieser Umgebung eher ein kleines Bauerndorf als eine Millionenstadt. Wie sich die hunderttausende Häuser in das Tal quetschen, ist dann auch ein unbeschreiblicher Anblick. Obwohl die Gegend sehr hügelig ist, wird mit sehr steilen Straßen auch die letzte Ecke noch erreich- und bewohnbar gemacht.

Für eine Unterkunft bin ich einer Empfehlung meines Reiseführers gefolgt und bin damit sehr gut gefahren. Meine Pension ist ein umgebautes Wohnhaus mit gerade mal vier Zimmern, die die Besitzerin vermietet. Zusätzlich zum eigenen Zimmer mit separatem Bad gibt's ein großes Wohnzimmer mit Radio und TV und natürlich eine Küche, die jeder benutzen darf. Das Ganze hat also mehr WG- als Hotelcharakter. Momentan wohnt dort noch eine Spanierin, die ihre Diplomarbeit schreibt, und eine Deutsche, die ebenfalls zum Spanischlernen hier ist. Inklusive warmem Wasser (im Gegensatz zu Guayaquil in Quito ein Muss) kostet der Spaß $5 pro Nacht, ein echter Spottpreis. Dafür liegt das Haus zwar nicht unbedingt zentral (am Berg der La Gasca ziemlich weit oben für die, die sich auskennen), aber tagsüber kann man noch in die Stadt laufen (knapp 30 min) oder für 20c den Bus nehmen und abends ist aus Sicherheitsgründen sowieso Taxifahren angesagt. Die Adresse für Interessierte: Casapaxi, Navarro 364 y La Gasca.

Das Busfahren macht mir dabei am meisten Spaß. Haltestellen gibt es nur für el Trole, einen elektrifizierten Bus, der auf der Hauptader auf größtenteils eigenen Spuren einmal quer durch die Stadt fährt, also eine Art verkappte Straßenbahn ist. Alle anderen Busse haben ihre Routen an der Windschutzscheibe angeschlagen, Ein- und Aussteigen kann man an beliebigen Stellen: einfach kurz den Arm ausstrecken, damit er etwas langsamer fährt, und aufspringen (die Türen sind immer offen).

Quito selbst ist eine zweigeteilte Stadt. Die koloniale Altstadt, schon seit über 20 Jahren Weltkulturerbe, besteht aus unzähligen Kirchen, wunderschönen alten Häusern und engen Gassen, die sich über das hügelige Land ständig hoch und runter schlängeln. Neben Sightseeing ist die Altstadt mit ihrer Vielzahl an Straßenmärkten vor allem zum Shopping bestens geeignet. Das neue Zentrum Quitos ist auch das touristische, mit vielen Hotels, Restaurants und Shopping Malls. In einem Komplex von etwa 5x10 Häserblocks (von den Quiteños auch gringolandia genannt), den es in ähnlicher Weise wohl inzwischen in jeder Metropole gibt, wechseln sich billige Unterkünfte, Restaurants für jeden Geschmack und unzälige Internetcafés ab; nicht überraschend, dass hier fast jeder Englisch spricht und man als gringo auch oft direkt auf Englisch angeredet wird.

Von der vermeintlich gesunden Höhenluft bleibt leider vor lauter Abgasen überhaupt nichts übrig – eventuelle Atembeschwerden dürften mit Sicherheit nicht auf dünne, sondern auf dicke Luft zurückzuführen sein. Dafür hatte ich bisher wie in Guayaquil mit Kriminalität keine Probleme, obwohl ich mich inzwischen schon mehrmals mit dem Bus verfahren habe und in eher verlassenen Vierteln gelandet bin. Die Leute sind freundlich, die Polizeipräsenz groß und ganz allein ist man eigentlich nirgends.

22:28 | (7) | Kommentieren | Permalink


Freitag, 23. August 2002

¿Hablas español?

Puh, die erste Woche Unterricht ist geschafft. Sechs Stunden täglich schlauchen ganz schön und damit ist es noch nicht getan. Jeden Tag kommen so viele neue Vokabeln dazu, dass ich mich in dieser Woche allabendlich noch mal ein bis zwei Stunden hinsetzen muss, um wenigstens das Wichtigste zu wiederholen. Aber dafür bringt es natürlich auch eine Menge. Von fließendem Sprechen bin ich zwar noch weit entfernt, die Konversation fällt aber jeden Tag wesentlich leichter. Auch an die lateinamerikanischen Besonderheiten des Spanisch gewöhnt man sich schnell: c und z werden nicht "gelispelt" (erst mühsam eingeübt und jetzt muss man es sich wieder abgewöhnen) und statt der zweiten Person Plural benutzt man immer die dritte. Die Quiteños und die restlichen Bewohner der Sierra sprechen zudem das ll eher wie sch und j und g eher wie in ich als in ach aus sowie verschlucken gerne das eine oder andere s, egal ob am Ende oder in der Mitte des Wortes.

Meine Spanischschule liegt ziemlich zentral im modernen Zentrum Quitos und ist mit dem Bus oder zu Fuß wunderbar zu erreichen. Zur Zeit sind wir fünf Schüler, alle außer mir lustigerweise Schweizer. Es ist unglaublich, wie viele Schweizer sich in Quito rumtreiben, nach meiner subjektiven Einschätzung sogar mehr als Deutsche. Scheint fast so, als bevorzugten sie auch für den Urlaub kleine und bergige Länder, selbst am anderen Ende der Welt. Unterrichtet werden wir one-to-one, also ein Lehrer pro Schüler. Mein derzeitiger ist kaum älter als ich und sehr nett. Zur Abwechslung vom Unterricht machen wir in der Gruppe (Lehrer und Schüer) mindestens einmal pro Woche einen Ausflug zu touristischen Zielen in und um Quito. Diese Woche ging's zum Panecillo, einem Hügel, der die Altstadt überragt und einen umwerfenden Blick sowohl auf die ganze Stadt als auch die umliegenden Vulkane Pichincha und Cotopaxi (bei guter Sicht) bietet.

Lehrer und Schüler auf dem Panecillo Auf der Dachterrasse Carmita und Gonzalo

Lehrer und Schüler auf dem Panecillo · Auf der Dachterrasse · Carmita und Gonzalo

Dazu, dass das Leben in dieser Woche etwas mehr Alltag als Urlaub war, trägt bei, dass ich zusätzlich zum Spanischunterricht jetzt für einige Wochen in einer ecuadorianischen Familie wohne und nicht mehr im Hostel. Die ersten Tage waren mangels Verständigungsmöglichkeit ein bisschen anstrengend, aber seit ich besser reden kann, fühle ich mich dort recht wohl. Ich habe zwei "Schwestern" etwa in meinem Alter, die mich auch ab und an abends ein bisschen mitschleppen (und auch unter deren Freunden ist ein Halbschweizer!). Ansonsten stürzen wir Schüler uns jeden Freitag und hin und wieder unter der Woche in Quitos Nachtleben.

16:37 | (1) | Kommentieren | Permalink


Samstag, 24. August 2002

Geldnöte

Den vielen bunten Aufklebern an Quitos Geldautomaten und den Türen seiner Restaurants nach zu urteilen dürfte der Umgang mit allen gängigen Kreditkarten von Visa bis Diner's Club hier eigentlich kein Problem darstellen. Verlassen sollte man sich darauf jedoch nicht. In vielen Geschäften stellt sich heraus, dass entweder den Aufklebern keine größere Bedeutung zugemessen werden darf und doch keine Karten akzeptiert werden oder Aufschläge von 12% und mehr verlangt werden.

Auch die Geldautomaten sind ein Kreuz. Meine ec-Karte wird trotz Maestro- und Cirrus-Logos nirgends akzeptiert. Mit der Visa Card kommt man zwar theoretisch an Bargeld, die Geduld wird jedoch auf eine harte Probe gestellt. Ob ein Automat eine Karte akzeptiert, scheint wesentlich von seiner Tagesform abzuhängen, und selbst wenn braucht er oft zig Minuten zur Verifizierung. Während die meisten Automaten die Kreditkarte bei Nichtgefallen wenigstens wieder ausspucken, ist mir auch schon einmal einer abgestürzt mit dem Ergebnis, dass er meine Karte behalten hat. Hat ganz schön lange gedauert, die Bank davon zu überzeugen, sie wieder herauszurücken. Fazit: Nicht überall wo Visa draufsteht, ist auch Visa drin.

Und auch mit dem Bargeld hat man seine liebe Mühe. Die Geldautomaten spucken 20-Dollar-Scheine aus, die man jedoch nur schwierig wieder los wird. Bei kleinen Beträgen weigert sich jeder Ladenbesitzer, 10- oder 20-Dollar-Noten anzunehmen, wohl sowohl aus Angst vor Falschgeld als auch aus Mangel an Wechselgeld. Selbst mit einem 5-Dollar-Schein wird man manchmal abgewiesen. Also immer möglichst viel Kleingeld dabeihaben!

23:36 | (2) | Kommentieren | Permalink


Dienstag, 27. August 2002

Fließend warmes Wasser

Bei der Unmenge von aktiven Vulkanen in den ecuadorianischen Anden ist es nicht verwunderlich, dass es auch zahlreiche heiße Quellen gibt. Die am besten hergerichteten finden sich im 3.200 m hoch gelegenen Papallacta, 65 km östlich von Quito. Bei $5 Eintritt und kaum Kosten für die Betreiber (das Wasser ist ja schon da und heiß) dürfte hier zudem auch das Geld ordentlich sprudeln.

Las Termas de Papallacta

Las Termas de Papallacta · "Juhuu, ich bin der Größte!"

Die Pools mit sehr sauberem und nicht gechlorten Quellwasser sind um die 40 Grad warm und wirklich äußerst angenehm. Zur Abkühlung dient ein Becken, durch das das eiskalte Wasser eines kleinen Gebirgsflusses geleitet wird.

Papallacta ist ein schöner Ort für einen Halbtagesausflug von Quito, bei schönem Wetter (das es für uns leider nicht gab) hat man außerdem eine tolle Aussicht und sehr gute Möglichkeiten für leichte Wandertouren über die umliegenden Berge. Und wie immer wenn man Quito verlässt, ist schon allein die Autofahrt atemberaubend, in diese Richtung u.a. mit bestem Blick auf den Cotopaxi. Je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt, desto schlechter werden die Straßen (bis sie schlechter sind als jeder Feldweg in Deutschland) und auf einmal wird auch einsichtig, warum riesengroße amerikanische Geländewagen die bevorzugten Fortbewegungsmittel der Ecuatorianos sind.

16:13 | (4) | Kommentieren | Permalink


Donnerstag, 29. August 2002

Die Mitte der Welt

Nur 23 km nördlich von Quito verläuft der Äquator. In der "Mitte der Welt" (La Mitad del Mundo) befindet sich ein Denkmal, darin ein sehenswertes ethnografisches Museum über die Völker Ecuadors und drumherum eine auf Kolonialstil getrimmte Touristenstadt.

La Mitad del Mundo Die Welt in meinen Händen

Die dick und fett eingezeichnete Äquatorlinie wurde vor knapp 300 Jahren von einer französischen Expedition ermittelt, die sich dabei jedoch vermessen hat ? um wirklich gleichzeitig auf Nord- und Südhalbkugel zu stehen, muss man sich etwa 300m weiter südlich postieren. Umso peinlicher für die Franzosen, dass diese Erkenntnis den Vor-Inka-Bewohnern dieser Region schon vor 1.000 Jahren bekannt war, was eine astronomische Installation auf einem nahegelegenen Berg beweist. In einem Vortrag über die wissenschaftliche Arbeit in Mitad del Mundo lernt man auch, dass Ecuador die einzige Stelle der Welt ist, an der der äquator im Gebirge und nicht im Regenwald liegt und der Ort deswegen für die Astronomen sehr wichtig ist.

Von Quito eine knappe Stunde Busfahrt, Kostenpunkt 34¢(!).

17:03 | (2) | Kommentieren | Permalink

August 2002
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