Hong Kong im September 2001

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Sonntag, 2. September 2001

Guangzhou

Vielen ist Guangzhou wahrscheinlich besser als Kanton bekannt, wie die Stadt im Rest der Welt heißt. Guangzhou ist die Hauptstadt der an Hong Kong grenzenden Provinz Guangdong, hat um die sechseinhalb Millionen Einwohner und liegt etwa 180 km nördlich von Hong Kong. In der Vergangenheit hat die Stadt sehr von ihrer Lage bei Hong Kong profitiert und ist zu einem der wichtigsten und stärksten Wirtschaftszentren Chinas aufgestiegen. In den letzten 20 Jahren haben viele Unternehmen ihre Produktionsstätten von Hong Kong nach Guangdong verlagert und die Situation geschaffen, dass die Proving mit ihren "nur" 87 Millionen Einwohnern für 30% von Chinas Außenhandel verantwortlich zeichnet und Guanzhou eine der reichsten Städte des Landes ist.

Guangzhou Guangzhou Guangzhou Guangzhou Guangzhou Guangzhou

Ein paar nette Kolonialbauten hat Guangzhou auch zu bieten, andere Bilder sind aber wesentlich charakteristischer für die Stadt.

Das merkt man als Besucher allerdings nicht unbedingt. Die Stadt ist sehr viel dreckiger und chaotischer als Hong Kong und der Lebensstandard extrem viel geringer. Statt moderner Wolkenkratzer stolpere ich hauptsächlich über verfallene Häuser oder Blechhütten, bei denen ich mir gar nicht vorstellen kann, dass das für die Menschen hier ein ganz normales Zuhause ist. Obwohl es keine Touristenattraktionen gibt, ist Guanzhou jedoch auf alle Fälle einen Besuch wert. Wir haben den ganzen Tag damit verbracht, einfach nur durch die Straßen zu laufen, die Menschen zu beobachten, uns beobachten zu lassen (keine anderen Touristen weit und breit, viele Kinder schauen uns an als hätten sie noch nie einen gwailo gesehen). Die Kommunikation ist schwierig, Englisch kann man jedenfalls vergessen. Und Hände und Füße sind auch nicht immer eindeutig, sodass wir einmal (das einzige Mal während meiner Zeit in Asien) ein Restaurant unverrichteter Dinge wieder verlassen müssen, weil wir uns nicht verständlich machen können. Den Kellnerinnen war das unheimlich peinlich, obwohl es ja nicht ihr Fehler war, dass wir kein Kantonesisch konnten.

Schildkröten Würmer Kaninchen

Auf dem Animal Market kann man alles kaufen, was mehr als zwei Beine hat.

Ein Highlight für die nicht ganz zart Besaiteten ist sicherlich der Animal Market, wo man eigentlich alles kaufen kann, was vier oder mehr Füße hat – außer Tischen und Betten. Kleinzeug wie Schnecken, Frösche, Würmer werden nach Gewicht verkauft (wie beim Obsthändler: du nimmst dir eine Tüte, füllst sie eigenhändig nach Belieben und dann wird gewogen); Schlangen, Kaninchen, Schildkröten und natürlich auch die notorischen Katzen und Hunde stückweise. Ganz wichtig dabei, dass generell alles noch lebt und du beim Kauf entscheiden kannst, ob der Händler dem Tier den Hals umdrehen soll oder du das selber erledigen möchtest. Diese Tradition hat sich angeblich so entwickelt, weil das Fleisch im schwülwarmen südchinesischen Klima und ohne Kühlschränke nicht sehr lange frisch bleibt – da ist es wichtig, erst unmittelbar vor dem Verzehr zu schlachten.
Bei dem Anblick, wie die Tiere dort gehalten und geschlachtet werden, dreht sich dem Europäer schnell der Magen um. Schildkröten z.B. mit zugeklebten Löchern, andere Tiere zu Dutzenden in einem Minikäfig mit zusammengebundenen Beinen. Fische werden ganz offen vor meinen Augen ausgenommen, auf den Tisch gelegt und bewegen sich dann noch eine Minute oder so. Wenn noch einer die Kraft hat, mit einem starken Flossenschlag vom Tisch zu hüpfen, wird er vom dreckigen Boden genommen und einfach wieder hingelegt – soviel zur Hygiene.

Von Hong Kong ist Guanzhou mit dem Zug (ca. 2 Stunden) oder per Bus (ca. 3 Stunden) erreichbar. Wir sind dabei Bus gefahren, weil billiger (HK$ 100 one way). Die Strecke wird von verschiedenen Busunternehmen bedient, z.B. etwa 90-minütig vom Wan Chai Ferry Pier direkt unter der riesigen Siemens-Reklametafel. Die Busse fahren die großen Hotels in Guangzhou an. Ein guter Punkt zum Aussteigen ist das China Hotel.
Achtung: Bitte beachte, dass westliche Touristen für China ein Visum benötigen, dass man einige Tage vorher in Hong Kong beantragen muss.

21:22 | (19) | Kommentieren | Permalink


Mittwoch, 12. September 2001

Pferderennen

Glücksspiel ist in Hong Kong verboten – die Legitimation für die Existenz der vielen Casinos in Macau. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel: Das Wetten auf Pferde ist nicht nur erlaubt, sondern sogar die absolute Lieblingsbeschäftigung der Einheimischen; zusammen mit lauthalsem Schreien in ihre Handys und Drängeln, was das Zeug hält, versteht sich.

Happy Valley Racecourse Happy Valley Racecourse Happy Valley Racecourse Happy Valley Racecourse Happy Valley Racecourse Happy Valley Racecourse Happy Valley Racecourse Happy Valley Racecourse

Happy Valley Racecourse

Hong Kong hat zwei Rennbahnen, das traditionelle alte Gelände im Happy Valley bei Causeway Bay und einen modernen Komplex für 70.000 Zuschauer in Sha Tin in den New Territories. Gerüchteweise setzt der Hong Kong Jockey Club (eine der reichsten und exklusivsten Organisationen in Hong Kong) an jedem Renntag soviel um wie eine durchschnittliche deutsche Rennbahn im ganzen Jahr, nämlich mehrere hundert Millionen HK$ – kein schlechter Schnitt bei zwei Renntagen pro Woche. Ich selber habe nur zugeschaut und nicht gewettet; vielleicht war das der Grund, warum ich das ganze Spektakel eher langweilig fand.

Während der Saison (September bis Juni) finden die Rennen zweimal pro Woche statt, und zwar mittwochs abends im Happy Valley und samstags nachmittags in Sha Tin. Eintritt HK$ 10.

23:59 | (3) | Kommentieren | Permalink


Donnerstag, 13. September 2001

Containerhafen

Heute hatte ich die einmalige Chance, Hong Kongs riesigen Containerhafen hautnah zu erleben. Sören, seit August neuer Praktikant hier bei BASF, reiste nämlich nicht per Flugzeug an, sondern mit der "Hanjin Copenhagen", einem der größten Containerschiffe der Welt. Aus Hamburg ging's über Rotterdam, Le Havre, den Suezkanal und Singapur in 25 Tagen hierher. Diese Nacht war es nun so weit, die "Hanjin Copenhagen" lief auf dem Rückweg nach Deutschland wieder einmal in Hong Kong ein. Sören nutzte natürlich die Chance, die Crew während ihres Kurzaufenthaltes zu besuchen und bot mir an, doch einfach mitzukommen.

Containerhafen Containerhafen Containerhafen Containerhafen

Der Containerhafen ist sowohl von weitem als auch aus der Nähe sehr beeindruckend.

Nachdem wir die Eingangskontrolle am Hafen erfolgreich hinter uns gebracht hatten ("Eigentlich darf man hier nicht rein, aber lass uns einfach durchgehen und versuchen, wichtig zu tun") und uns durch den Containerwald zum Schiff durchgeschlagen hatten, besuchten wir zuerst den Kapitän in seiner Kabine. Danach durfte mich Sören dann über das ganze Schiff führen (Brücke, Casino, Maschinenraum und natürlich sind wir zwischen der Ladung herumgeturnt), es war wirklich beeindruckend und aufregend.

Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen

Die Besatzung besteht aus Deutschen und Philippinos.

Die Crew besteht aus Deutschen (Offiziere) und Philippinos (Mannschaft). Letztere scheinen die ganze Zeit mit Malen und Putzen beschäftigt zu sein, alle sind sehr nett und laden uns zum Mittagessen ein (das gar nicht so schlecht war, wie Sören vorher befürchtet hatte).

Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen Hanjin Copenhagen

Auf der Hanjin Copenhagen.

Seit meiner Ankunft im April wollte ich immer schon den Containerhafen besichtigen, aber niemand konnte mir sagen, wie und wo man das arrangieren könnte. Und dann das, nicht nur ein Blick auf die Containerterminals, sondern ein Besuch auf einem der Schiffe mit der Erlaubnis, überall hinzugehen und alles zu fotografieren. Wirklich klasse.

15:11 | (7) | Kommentieren | Permalink


Samstag, 15. September 2001

Ten Thousand Buddhas

Der "Tempel der zehntausend Buddhas" ("Ten Thousand Buddhas Monastery") ist das Zuhause von genaugenommen 12.800 Miniatur-Buddhafiguren, von denen angeblich keine der anderen gleicht (ich hab's nicht überprüft). Der Anblick der vielen Figuren in der Haupthalle des Klosters ist schön, viel beeindruckender fand ich aber den von goldenen Figuren in den unterschiedlichsten Posen gesäumten Aufstieg zum Tempel und die neunstufige Pagode. Alles in allem sehr sehenswert.

Temple of Ten Thousand Buddhas Temple of Ten Thousand Buddhas Temple of Ten Thousand Buddhas

Am Fußweg zum Tempel begegnen uns lebensgroße Figuren

Temple of Ten Thousand Buddhas Temple of Ten Thousand Buddhas

Und keiner gleicht dem Anderen!

Temple of Ten Thousand Buddhas Temple of Ten Thousand Buddhas

Die Pagode steht in der Mitte des zentralen Platzes.

Von Hung Hom Station mit der KCR nach Sha Tin. Der Fußweg zum Tempel ist vom Bahnhof aus ausgeschildert.

20:54 | (2) | Kommentieren | Permalink


Montag, 17. September 2001

Plover Cove

Von hier aus kann man quasi nach Festlandchina rüberspucken, so nah ist die Gegend um das Plover Cove Reservoir an der Grenze zwischen Hong Kong und Guangdong. Von Tai Mei Tuk aus gibt es mehrere schöne Wanderwege. Wer viel Energie hat, kann den Marsch rund um das Reservoir angehen. Sören und ich hatten dazu keine Motivation und haben uns für eine kleinere Schleife entschieden, die eine Zeit lang am Reservoir entlang führt, dann abknickt und am Bride's Pool endet, wo es einen schönen Wasserfall anzusehen gibt. Eine der schöneren Wanderungen, die ich gemacht habe.

Von Hung Hom Station mit der KCR nach Tai Po und von dort mit Bus Nr. 75K nach Tai Mei Tuk.

21:00 | (0) | Kommentieren | Permalink


Sonntag, 23. September 2001

Shanghai

Endlich ist mein Zehntageurlaub losgegangen. Gestern bin ich auf Shanghais altem Flughafen Hongqiao (also nicht der, wo der Transrapid gebaut wird) aus Richtung Shenzhen gelandet – der Flug war so um einiges billiger als wenn ich direkt von Hong Kong geflogen wäre. Ich wohne in einem günstigen Hotel, sehr gut gelegen nahe dem Stadtzentrum und gegenüber dem russischen Konsulat. Das Gebäude ist sehr groß und alt in kolonialem Stil. Früher war's scheinbar eines der besten Hotels in Shanghai und hatte schon so illustre Gäste wie Albert Einstein.

Die Haupteinkaufsstraße Nanjing Lu Fahrradfahrer

Nanjing Lu ist die Haupteinkaufsstraße · Radfahrer sind allgegenwärtig

Mein Eindruck von Shanghai ist gemischt. Es gibt einige interessante Orte, alte Straßenzüge mit europäischen Kolonialbauten, einige ultramoderne Wolkenkratzer (der 421 m hohe Jin Mao Tower sieht super aus) und in den Straßen stolpert man auch mal über ein bisschen "wirkliches China" – wenn auch nicht halb so extrem wie in Hangzhou oder Peking. Alles in allem fühle ich mich wohl zu sehr an Hong Kong erinnert, wobei mir Shanghai meistens nur als schlechtere Kopie meiner derzeitigen Heimat vorkommt. Die Stadt bemüht sich, Hong Kongs Platz als Chinas Tor zur Welt einzunehmen, hat aber noch einen weiten Weg vor sich. Pudong auf der anderen Seite des Flusses blitzt und blinkt an allen Ecken, aber die eigentliche Stadt hat noch viel aufzuholen. Im Vergleich zum Rest Chinas ist der Lebensstandard hier sicherlich hoch, es gibt einiges, was es anderswo nicht gibt, z.B. eine U-Bahn und sogar recht viele Leute, die Englisch können. Aber für mich hat die Stadt irgendwie kein Flair. Deswegen fahre ich morgen auch nach Hangzhou.

Skyline von Pudong Jin Mao Tower Skyline von Pudong

Die Skyline von Pudong wird beherrscht vom riesigen Fernsehturm und dem wunderschönen Jin Mao Tower

Kurioses am Rande: In ein paar Wochen ist eine APEC-Konferenz in der Stadt, zu der sogar George Bush und Jiang Zemin erwartet werden. Heute steht groß und stolz auf der Titelseite der Zeitungen, dass das dafür vorgesehene Riesenfeuerwerk letztens höchst erfolgreich gebropt worden ist, Regierung und Choreograph seien sehr zufrieden. Ein Mulit-Millionen-Dollar-Feuerwerk vorher an Ort und Stelle zu proben, das können auch nur die Chinesen bringen.

Mein Hotel: Pujiang Fandian, 15 Huangpu Lu. 55 Yuan pro Nacht im 8-Bett-Zimmer ist für Shanghai-Verhältnisse sehr günstig.

21:20 | (2) | Kommentieren | Permalink


Montag, 24. September 2001

Hangzhou

Ich sitze gerade im Wartesaal des Busbahnhofs Hangzhou und warte auf meinen Bus, der mich zurück nach Shanghai bringt. Der fährt allerdings erst in einer guten Stunde; ich bin absichtlich so früh zum Bahnhof aufgebrochen, weil ich nicht sicher war, ob ich dem Taxifahrer mein Ziel klarmachen kann (es gibt immerhin drei verschiedene Fernbusbahnhöfe in der Stadt). Hat aber alles reibungslos geklappt und außerdem ist er noch gerast wie bekloppt.

Nachdem ich mich gestern entschieden hatte, den Tag heute in Hangzhou zu verbringen, brauchte ich als Erstes natürlich eine Fahrkarte – also auf zum Busbahnhof in Shanghai. Englisch sprach wie erwartet natürlich niemand, dafür stürmten gleich vier oder fünf Männer auf mich ein, die mir eine Fahrkarte in jede Stadt Chinas verkaufen wollten. Das Ziel meiner Reise war also schnell geklärt, nur dass ich erst morgen früh fahren wollte und nicht sofort, konnte ich ihnen beim besten Willen nicht verklickern. Einige Minuten hilfloses Rumstehen später sprach mich dann auf einmal ein Mädchen auf Englisch an und bot mir Hilfe an. Mit ihr war's dann natürlich ganz einfach und fünf Minuten später hatte ich mein Ticket für die Hinfahrt.

In Hangzhou angekommen, war dann die erste Aufgabe, ein Ticket für die Rückfahrt zu organisieren. Hier keine englischsprechende Hilfe in Sicht, dafür eine meterhohe Tafel mit vielen Zahlen und noch mehr Schriftzeichen, die sich schnell als Fahrplan identifizieren lässt. Für den Abgleich aller Zielorte mit den Schriftzeichen für Shanghai in meinem Reiseführer brauche ich dann noch mal eine Viertelstunde, aber letztlich finde ich dann doch eine Reihe von Zeilen, in denen "Shanghai" vorkommt. Hm, dann dürften die Uhrzeiten daneben ja wohl Abfahrt- und Ankunftszeit nennen. Also einen passenden Bus rausgesucht, die ganze Zeile sorgfältig abgeschrieben (oder besser abgemalt) und damit zur Kasse. Der Kassiererin noch dreimal "Shanghai" entgegengerufen, um mich euch klar und deutlich auszudrücken. Dann nur noch einen unverständlichen Redeschwall über sich ergehen lassen und ihr einen hinreichend großen Geldschein überreichen, schon gibt's das Ticket, das auch zu stimmen scheint, soweit ich das beurteilen kann. War doch gar nicht so schwer!

Mahjonggspieler am West Lake Malen am West Lake Sonnenuntergang am West Lake

Die Ufergegend des West Lake war so ziemlich die einzig schöne Stelle in Hangzhou

Hangzhou liegt 200 km südwestlich von Shanghai und ist in China ein sehr beliebtes Touristenziel. Grund ist der West Lake, Chinas berühmtester See. Der liegt mitten in der Stadt und ist in der Tat sehr schön. Andererseits ist die Attraktion natürlich nicht so riesengroß, wo wir in Europa doch reihenweise schöne Seen vor der Tür haben. Leider hapert es auch mit der Idylle ein wenig, da Hangzhou leider kein verschlafenes Dörfchen ist, sondern eine Sechsmillionenstadt. Die Stadt selbst ist dabei potthässlich, aber für mich steht ja sowieso das China-Erlebnis im Vordergrund, und das bekommt man hier frei Haus: Fahrräder en masse, rasante Taxi- und Busfahrten ohne Beachtung von Verkehrsregeln, total unhygienische Imbissstände, Kommunikation nur mit Händen und Füßen möglich. Keine anderen westlichen Touristen in Sicht, dafür viele Kinder, die mich mit großen Augen anstarren, scheinbar zu ängstlich zum Schreien, sich hinter ihren Eltern verstecken oder sogar vor mir weglaufen. Auch die gewöhnungsbedürftigen chinesischen Toiletten sind mir in Hong Kong nur sporadisch begegnet, aber hier hat man einfach keine Wahl.

17:30 | (3) | Kommentieren | Permalink


Donnerstag, 27. September 2001

Peking

Peking ist unglaublich. Es gibt so viel zu sehen, dass die drei vollen Tage, die ich hatte, gerade mal gereicht haben, die allerwichtigsten Monumente abzuklappern. Am bekanntesten sind wohl der Tiananmen-Platz im Stadtzentrum (Peking ist in Ringen um ihn herum gebaut) und die umliegenden Gebäude (u.a. das "Maosoleum") inkl. der Verbotenen Stadt. Die hat ihren Namen daher, dass die 500 Jahre lang Residenz des Kaisers, seiner Familie und der Eunuchen und Konkubinen war und das Betreten für andere Leute unter Todesstrafe stand. Den größten Teil des heutigen Tages brauchte ich für den Sommerpalast, eine riesengroße Parkanlage im Nordwesten Pekings, wo der Kaiser im Sommer residiert hat. Ich hab noch nie in meinem Leben einen so schönen Park gesehen.

Die Gebäude rund um Tian'anmen-Platz: Tor des Himmlischen Friedens, Maosoleum, Qian Men

Auch zum Shopping ist man in Peking nicht falsch. Auf den Märkten gibt es selbstverständlich jede Art gefälschter Klamotten, Taschen, CDs, DVDs und alles ist noch viel billiger als in Hong Kong. Dafür sind die Sachen entweder schon beim Kauf kaputt oder fallen spätestens nach einem Monat auseinander. You get what you pay for.

Die riesengroße Verbotene Stadt durfte 500 Jahre lang von niemandem betreten werden.

Auf mich wirkt Peking viel "chinesischer" als Shanghai. Mit das Beste, was man machen kann, ist, sich ein Fahrrad zu mieten und die Hutongs, die schmalen Gassen in der Innenstadt, zu erkunden. Man sieht kleine, verlotterte Häuser, die den Bewohnern nicht mehr bieten als einen Platz zum Schlafen. Alles andere spielt sich auf der Straße ab: Leute kochen, essen, dösen, putzen ihre Zähne, plaudern, spielen Mahjongg, verkaufen Früchte – alles mitten auf dem Bürgersteig. Auf einmal sehe ich einen Sack Reis umfallen – hat man davon was gemerkt am anderen Ende der Welt? ;-)

Beihai Park · Räucherstäbchenattacke im Lama Tempel · Tempel des Himmels · Eine typische Kreuzung in Peking

Der Straßenverkehr wirkt absolut chaotisch, aber funktioniert lustigerweise ebenso gut wie in deutschen Landen, wo sich jeder an die Regeln hält. Hier wird fröhlich durcheinander gekreuzt, chaotisch abgebogen, eng nebeneinander gefahren. Fußgänger und Radfahrer halten sich naturgemäß an noch weniger Regeln. Die Autofahrer halten sich in der Regel an rote Ampeln, für alles andere jedoch vertrauen sie ihrer Intuition, wechseln die Spuren, ohne in den Spiegel zu schauen, benutzen Bus-, Fahrrad- und Notfallspuren, fahren in Einbahnstraßen in beide Richtungen. Die Hupe wird oft benutzt und zwar ihrem ursprünglichen Sinn entsprechend: nicht als Beleidigung wie in Europa, sondern als Warnung nach der Devise: "Zieh zurück, sonst kollidierst du mit mir". Und bei dem Ganzen Chaos wird niemand richtig wütend oder ausfallend, echt toll.

Der Sommerpalast ist die größte und schönste Parkanlage, die ich kenne

Mein Gastgeber Jürgen nimmt mich abends mit in die Sanlitun Lu, Pekings beste Kneipenstraße. Hier gibt es eine ähnliche Gemeinschaft ausländischer Praktikanten und Studenten wie in Hong Kong und eine Menge Spaß. Und im Gegensatz zu Hong Kong kostet alles nur einen Bruchteil.

21:20 | (5) | Kommentieren | Permalink


Freitag, 28. September 2001

Die Große Mauer

Ich stehe auf einem Wachturm der Großen Mauer und blicke nach Norden in Richtung Mongolei. Bei 25 Grad und strahlendem Sonnenschein keine Menschenseele weit und breit, Blick auf eine karge, hügelige und unbesiedelte Landschaft und mittendrin dieses unbeschreiblich imposante Bauwerk, nicht in einer geraden Linie verlaufend, sondern sich über die Berge schlängelnd, immer hin und her genau über die höchsten Erhebungen, damit kein Feind hinüberschauen oder -schießen kann. Sicher gab es auch vor 2.000 Jahren architektonisch anspruchsvollere Bauten als eine 5 m hohe und 3 m breite Mauer, aber die schiere Länge von mehreren tausend Kilometern sprengt einfach alle Dimensionen. Wie haben die Menschen das damals nur bauen können, hier mitten im Niemandsland?

Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer

Meine beste Entscheidung heute war, keine durchorganisierte Touristentour zu einem restaurierten Mauerstück nach Badaling mitzumachen (da fahren fast alle hin, die die Mauer sehen wollen), sondern, nur mit dem Lonely Planet bewaffnet, das Abenteuer auf mich zu nehmen, ganz alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Jingshaling zu fahren und von dort auf eigene Faust ca. 9 km auf einem unrestaurierten Teilstück der Mauer nach Simatai zu wandern. Die Anreise ist zwar recht lang, chaotisch (überfüllte Minibusse, in denen man von allen angestarrt wird, zähe Preisverhandlungen) und dank nicht vorhandener chinesischer Sprachkenntnisse nicht ganz einfach zu organisieren, aber die Mühe lohnt sich doppelt und dreifach: waren auf den ersten Kilometern meiner Wanderung noch vereinzelte andere Touristen unterwegs, bin ich jetzt seit über einer Stunde schon niemandem mehr begegnet.

Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer Große Mauer

Inzwischen bin ich drei Stunden weitergelaufen und fast am Ziel Simatai angelangt. Dort wartet mein Fahrer auf mich, der mich aus Miyun nach Jinshaling gebracht hat und mich jetzt von Simatai wieder nach Miyun zurückfährt – ein ganz persönlicher Chauffeur also. In Miyun warte ich dann an der Bushaltestelle auf einen ganz normalen Bus nach Peking, als ein Auto hält und der Fahrer mich fragt, ob ich nicht mitfahren will. Er nimmt noch zwei andere Leute mit und bringt uns für 10 Yuan (2,50 DM) pro Nase wieder in die Stadt. Die Fahrt ist besonders lustig, weil einer der drei gerade einen Anfängerkurs in englisch macht und mir ganz stolz die ersten Sätze aus seinem Workbook vorliest. Meine englischen Antworten versteht er jedoch nicht, also muss ich mich mit dem chinesischen Phrasebook rumquälen. Wir brauchen etwa 15 Minuten, um Befinden und Herkunft auszutauschen und zu mehr Kommunikation sind wir dann nicht in der Lage – der Rest der zweistündigen Fahrt verläuft eher ruhig.

Los geht's am Pekinger Busbahnhof Dongzhimen im Nordosten des Stadtzentrums. Die Fahrt im Minibus nach Miyun dauert knapp zwei Stunden und kostet 10 Yuan. Von Miyun geht es mit öffentlichem Nahverkehr nicht mehr weiter, man muss sich einen kleinen Bus ("miandi") mieten und mit dem Fahrer vereinbaren, dass man nach Jinshaling gebracht und fünf Stunden später aus Simatai wieder abgeholt werden will. Hier ist hartes Verhandeln angesagt, ich habe den Preis von 180 auf 80 Yuan gedrückt. In Jinshaling zahlt man dann noch mal 30 Yuan Eintritt zur Mauer. Die Wanderung nach Simatai ist im Lonely Planet sehr gut beschrieben.

18:32 | (6) | Kommentieren | Permalink

September 2001
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