Tops und Flops 2004

Persönliche Highlights und Enttäuschungen in meinem Lesejahr.

Die asiatische Saga: Clavells Asienepos

Angelehnt an wahre historische Begebenheiten, hat James Clavell mit seiner Asian Saga in sechs dicken Bänden ein wunderbar facettenreiches und detailliertes Bild verschiedenster asiatischer Gesellschaften und Epochen gezeichnet.

Shogun spielt im Japan der Samurai und Bürgerkriege des frühen 17. Jahrhunderts, Tai-Pan erzählt die Rivalitäten britischer Handelshäuser rund um die Gründung der Kolonie Hong Kong im Jahr 1841. In Gai-Jin sind wir zurück in Japan im Jahr 1862, wo die technologisch maßlos unterlegenen Japaner mit aller Kraft versuchen, die Infiltration durch die europäischen Kolonialmächte abzuwenden. King Rat ist Clavells autobiographisch geprägte Erzählung seiner Zeit als Kriegsgefangener in einem japanischen Lager in Singapur. In Noble House erleben wir das Hong Kong der 1960er Jahre, des Beginns des Aufstiegs der kleinen Insel zur Wirtschaftsmacht. Und wie 120 Jahre zuvor kämpfen die Nachkommen der Gründerväter um die Vorherrschaft. Whirlwind, der letzte Teil der Saga, hat nur noch am Rande mit den ersten fünf Bänden zu tun. Der Schauplatz ist allerdings nicht weniger spannend: im Iran kämpft 1979 eine Helikopterfirma ums nackte Überleben in den Wirren von Khomeinis Revolution.

Jeder einzelne Band der Asian Saga ist äußerst lesenswert. Wer sie in der chronologischen Reihenfolge liest, hat noch mehr Spaß daran, da einige Figuren und Handlungsstränge in späteren Bänden wiederkehren. Dies ist umso bemerkenswerter, da Clavell die Bücher in anderer Reihenfolge geschrieben hat.

Asiatischer Bücherkorb

Viele andere Bücher beschäftigen sich mit asiatischer Geschichte und Kultur. In Siddhartha bringt uns Hermann Hesse buddhistische Ideen näher und schildert die Selbstfindung des jungen Siddhartha.

Wild Swans ist die bewegende Lebensgeschichte einer Chinesin, ihrer Mutter und Großmutter in den letzten hundert Jahren. Aus der persönlichen Perspektive schildert Jung Chang einprägsam die teilweise äußerst grausame chinesische Geschichte vom Ende der Kaiserzeit bis zu Maos Tod und die Leiden der Bevölkerung. Objektiver und deswegen auch etwas weniger einprägsam, aber nichtsdestotrotz sehr empfehlenswert ist Konrad Seitzs Rückblick und Ausblick auf Chinas Entwicklung von einem der fortschrittlichsten zu einem der ärmsten Länder der Welt und zurück zur Weltmacht in China, eine Weltmacht kehrt zurück.

Eine weitere toller authentische Schilderung ist Sieben Jahre in Tibet, Heinrich Harrers Erinnerungen an seine Flucht aus britischer Kriegsgefangenschaft in Indien durch den Himalaya. Schließlich schafft er es bis nach Lhasa, gewinnt nach anfänglicher Feindseligkeit die Herzen der Bevölkerung und schließt schließlich Freundschaft mit dem Dalai Lama.

Muskatnuß und Musketen ist die spannend erzählte Geschichte des Kampfes der europäischen Kolonialmächte um die Herrschaft über die so wertvollen Gewürzinseln im Indischen Ozean, dem einzigen Ort der Welt, wo Muskatnussbäume mit ihren heiß begehrten Früchten wuchsen.

Megatrend Dan Brown

Mit seinen spannenden Jagden durch Kunst- und Kirchengeschichte hat Dan Brown 2004 die Bestsellerlisten beherrscht wie sonst nur Harry Potter. Und das durchaus zu Recht, wie ich finde. Sowohl The Da Vinci Code als auch Angels and Demons konnte ich kaum aus der Hand legen. Trotz aller als Wahrheit dargestellter Faktenverdrehungen (es sind eben doch fiktive Geschichten) leben die Thriller nicht nur von Browns großem Einfallsreichtum, sondern gerade auch davon, dass ich als Leser die den Kirchen und Sekten angedichteten Verschwörungen durchaus glaubhaft finde.

Naturwissenschaft im Schnelldurchlauf

Der Engländer Bill Bryson hat eine Gabe, die nicht viele haben: er kann mutmaßlich trockene Themen so anschaulich und gleichzeitig witzig formulieren, dass wirklich jeder Spaß am Lesen hat. In A Short History of Nearly Everything nimmt er uns mit auf eine sehr unterhalsame Reise durch die Geschichte der Naturwissenschaft. Und ganz nebenbei lernt man noch eine ganze Menge!

Bewegende Biographien

Zwei große Männer des 20. Jahrhunderts erinnern sich an die dunkelsten Kapitel ihres Lebens. Mit Der Archipel GULAG hat Alexander Solschenizyn maßgeblich dazu beigetragen, den Terror Stalins und seiner Nachfolger gegen die eigene Bevölkerung publik zu machen und ihm ein Gesicht zu geben. Unvorstellbar, was die Millionen in die Gulags deportierten Menschen erleiden mussten.

Lange leiden mussten auch die Schwarzen in Südafrika und der Mann, der den größten Anteil an ihrem Freiheitskampf hat, ist Nelson Mandela. Long Walk To Freedom ist der passende Titel für seine Autobiographie, die er während seiner jahrelangen Gefangenschaft auf Robben Island zu schreiben begann. Etwas schwerfälliger Anfang, aber nach den ersten 100 Seiten sehr packend und bewegend.

Enttäuschung des Jahres

Meine Enttäuschung des Jahres ist Achtung! Vorurteile von Peter Ustinov, das ja auch auf jeder Bestsellerliste zu finden war. Sicher, die Geschichten und Anekdoten, die Ustinov zu erzählen hat, sind teilweise ganz schön zu lesen, aber mit dem Titel hat das alles recht wenig zu tun. Im Deutschaufsatz würde wohl drunterstehen: "Thema verfehlt".

Zähe Kost: deutsche Klassiker

Meine Schwierigkeiten hatte ich auch mit zwei großen deutschen Klassikern, dem Zauberberg von Thomas Mann und Elias Canettis Die Blendung. Sprachlich überragend, keine Frage. In beiden Romanen hatte ich allerdings den Eindruck, dass die Story für einen Tausendseiter (im Fall des Zauberbergs) doch etwas mau war. Das hätte man(n) auch auf der Hälfte des Platzes schreiben können. Aber wahrscheinlich hab ich's einfach nicht verstanden. ;-)

Und du?

Was waren deine Lesehighlights des Jahres 2004? Hast du vielleicht die gleichen Bücher gelesen wie ich? Oder eine völlig andere Richtung?

 

Alle Bücher des Jahres

Gelesen 2004

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Bisherige Anmerkungen

Harry am 10. November 2005 17:59:

Hi Ole,
wusste garnicht, dass du so ein Büchernarr bist. Einige Comments :
Da Vinci Code, am Anfang spannend aber enttäuschendes Ende (vielleicht bin ich auch zu anspruchsvoll, wie so oft...).
Siddartha, genial, HH eben ;-), lese mal "mit HH reisen", wäre was für dich.
Zauberberg etc. geniale Sprache, aber von Thomas Mann hat mir am besten 'Die Geständnisse des Hochstaplers Felix Krull' gefallen, denn das ist nicht so melancholisch. By the way, kennst du "Kain and Abel" von ich glaube K? Fletcher ?, das hat mir gefallen !
Anyway, wünsche dir noch viel Spass auf deinen Reisen, viele Grüße, Harry